"...Sobald es Licht wird in dem Menschen, ist auch außer ihm keine Nacht mehr;
sobald es stille wird in ihm, legt sich auch der Sturm in dem Weltall..."

Friedrich Schiller

Freitag, 22. März 2019

139. Der Schatten des Mondfisches


Wenn man Alexander von Humboldts „Ansichten der Natur“ liest, bekommt man eine Ahnung von der Größe, Diversität, Macht einer Natur, die es so nicht mehr gibt.  Geheimnisvolle Flussarme, einsame Berggipfel voller Eis, isolierte Dörfer mit fremden Ritualen, riesige Flamingoschwärme und in den Wipfeln tobende Affenhorden… all dies sind überwiegend untergegangene Welten, 1808 noch voller Staunen und mit wissenschaftlichem Entdeckergeist gesehen. An denselben Orten heute wohl Raffinerien, Minen, Megacities, Asphaltstraßen, Elend und Armut. In nur 200 Jahren alles verschwunden: Die Vielfalt, das Geheimnisvolle, die Schönheit – eben die Dinge, an denen wir uns innerlich aufrichten.
Den Schmerz über diese Verluste spüre ich immer in Naturkundemuseen, die zusehends zum Verwalter von Totem, Mumifiziertem, Eingelegtem, Nachgebildetem, Ausgestopften, von Alkoholpräparaten werden, deren lebende Verwandtschaft ausgestorben ist oder auf dem Weg dorthin. Ein buntes Leichenhaus.
Das Naturhistorische Museum Wien beherbergt die astronomische Zahl von 30 Millionen Sammlungsobjekten. Angefangen hat es mit ein paar Schnecken, Korallen und Muscheln. Das Gebäude ist ein Zwilling des Kunsthistorischen Museums gegenüber, also prächtig. Die Begrüßung übernimmt der ausgestopfte Hund von Königin Maria Theresia. Man kann sich auch 7.000 Meteoriten anschauen, in der zoologischen Sammlung die gesamte Arche Noah von der Assel bis zum Walfisch, Figurinen aus dem Neolithikum, Herbarien, Saurier...im Grunde würde es mehrere Tage brauchen, diese Schau ausreichend zu würdigen und wirklich wahrzunehmen. Ich bin nur einen Nachmittag da und lasse mich von bunten Riesenschmetterlingen, leuchtenden Käfern, skurrilen Gottesanbeterinnen, den zarten Fingern der Geckos und Salamander, dem Schatten des großen Mondfisches verzaubern. 

Mondfisch. Zum Vergrößern anklicken.
Immer mit diesem Gefühl: Wir haben das Paradies geschenkt bekommen und daraus eine Wüste gemacht, bevor wir überhaupt begonnen hatten, unsere Umgebung zu verstehen, die so rätselhaft ist wie die Stimmen der Wale im Ozean oder die Admirale, die über die Alpenkämme segeln.
Wenn etwas von gigantischer Größe ist, dann rauscht es manchmal wie der Sturm im Blätterdach eines Waldes oder das Meer an den Klippen einer Landzunge. Dieses Rauschen haben wir eingetauscht gegen Fahrstuhlmusik, Triebwerksdröhnen und Stimmengewirr. Es ist ein Tausch nach Art des Dr. Faustus, der dabei seine Seele verliert. Alexander von Humboldt sagte:

Habt Ehrfurcht vor dem Baum, er ist ein einziges großes Wunder, und euren Vorfahren war er heilig. Die Feindschaft gegen den Baum ist ein Zeichen von Minderwertigkeit eines Volkes und von niederer Gesinnung des einzelnen.“

Gleiches gilt für die Kreatur.
Einige Eindrücke aus dem Museum: